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06.01.2017 - 17:21 Uhr

23.11.2016 Schulaktionstag mit Experten zum Thema Tod und Trauer verläuft in Wellen

Jeder trauert anders und Trauer kehrt in Wellenbewegungen immer wieder zurück. Mit dieser Erkenntnis gingen Schüler der Goode-Weg-Schule Neuenkirchen bei einem Projektag aus ihrem Expertengespräch heraus. 35 Schüler hatten 22 Gäste befragt.
Luca (links) und Felix führten ein Interview mit Jutta Rönker vom Malteser-Hospizverein St. Johannes Alfhausen.  Foto: Andrea Kolhoff
Zu den Experten, die zum Aktionstag unter dem Motto „Uns allen blüht der Tod“ eingeladen waren, gehörten Steinmetze, Friedhofsgärtner, Bestatter, aber auch Notfallseelsorger, Feuerwehrleute und Vertreter von Hospizvereinen. Ihnen wurden Fragen gestellt, die schon in den vergangenen Jahren in der Schule erarbeitet wurden. So traten die Teenager mit vorbereiteten Fragebögen vor ihre Experten.
Luca (16) und der 15-jährige Felix beispielsweise unterhielten sich mit Jutta Rönker, Koordinatorin des Malteser-Hospizdienstes St. Johannes Alfhausen. Sie wollten wissen, ob Trauer in Phasen verläuft und wer wohl am meisten trauert. Kinder? Nein, berichtete Rönker aus ihren Erfahrungen. Für Kinder sei es ein großer Verlust, wenn die Eltern sterben, aber so lange sie das Gefühl hätten, dass der verstorbene Elternteil sie geliebt habe, könnten sie die Trauer bewältigen.
So habe sie einmal eine Familie begleitet, in der die Kinder genau wussten, „dass Mama todkrank ist, aber kämpft und nicht sterben will. Sie will uns nicht alleinlassen.“ Nach dem Tod der Mutter konnte sich die Achtjährige sagen: „Mama ist jetzt im Himmel und passt auf mich auf.“ Die Liebe bleibe, auch über den physischen Tod hinaus. Dagegen sei es für einen 19-Jährigen sehr schwer gewesen, nachdem sein Vater gestorben war. Der Vater hatte den Suizid gewählt; für den Sohn blieb stets die Frage: „War ich es nicht wert, dass Papa für mich weiterleben wollte?“
Zu den Gruppen, die am schwersten an ihrer Trauer zu tragen haben, gehörten Menschen, deren Angehöriger sich das Leben nahm, Personen, die einen Konflikt mit dem Verstorbenen nicht mehr lösen konnten, und Eltern, deren Kind gestorben ist, berichtete Jutta Rönker.
„Du musst mal wieder rausgehen“ – der falsche Satz
Die Trauer verlaufe in bestimmten Phasen. In den Tagen zwischen Tod und der Beerdigung erlebten die Angehörigen vieles wie in einem Tunnel. Es gebe kein Zurück mehr zu einem Leben mit dem Verstorbenen. Vieles müsse erledigt werden, die Angehörigen seien damit beschäftigt, einen guten Abschied zu ermöglichen. Dazu könnten ganz persönliche Dinge gehören. In einem Fall legte ein Mann seinem verstorbenen Vater zwanzig Euro in den Sarg: „Papa, du hast nie Geld in der Tasche, dann sollst du wenigstens dort, wo du hingehst, welches dabeihaben.“
Erst nach der Beerdigung realisierten die meisten Menschen, wie sehr der Verstorbene fehlt und dass er nie mehr zurückkommt. Die sogenannte Labyrinthphase dauere unterschiedlich lange an. Erst nach einiger Zeit könnten die Menschen an Kleinigkeiten in ihrem Leben wieder Freude finden. Die Trauer komme in Wellen immer wieder. Wichtig sei, mit Trauernden zu sprechen, sie nicht abzuweisen und abzuspeisen mit „Du musst mal wieder rausgehen“ oder „Du musst jetzt mal nach vorne schauen“.
In der Abschlussrunde trugen die Schülerinnen und Schüler die Ergebnisse aus ihren Expertengesprächen vor. Die Religionslehrer Albert Wegmann und Cornelia  Heimbrock freuten sich, dass alle Schüler gekommen waren, auch diejenigen, die vorher Bedenken geäußert hatten.
Manche Jugendliche hatten Gespräche über einfachere Themen gewählt, zum Beispiel Fragen an Bankmitarbeiter zum Thema Vererben, an Verwaltungsangestellte zu den Formalitäten wie Sterbeurkunden, oder an eine Gastronomin, die dazu interviewt wurde, warum es ein Beerdigungskaffeetrinken gibt.
Ein Friedhofsgärtner erläuterte Möglichkeiten der Grabgestaltung. Der Mann berichtete in der Runde, dass er an diesem Vormitttag zum ersten Mal seit seiner Schulzeit das Schulgelände wieder betreten habe und dabei an ein Unglück denken musste, dessen Augenzeuge er als Kind geworden war. So war damals durch einen Orkan das Dach eines Nebengebäudes weggewirbelt worden und hatte einen Mitschüler getroffen, der von der Bushaltestelle kam. Dieser Junge war schwer verletzt worden. „Wir haben jeden Tag für ihn gebetet, aber er hat es nicht  geschafft.“
Andrea Kolhoff

 
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